Völlig entspannt geht mir auf den Keks

Australier sind dafür bekannt, dass sie so entspannt sind, “Laid back” wird das genannt. Ich glaube für uns Deutsche entsteht der Eindruck vor allem dadurch, dass das viel mehr Leute bei schönem Wetter in Strand nähe wohnen und jedes Wochenende zum Urlaub erklären. Da lässt man sich dann natürlich durch nichts aus der Ruhe bringen und es kann schon mal passieren, dass man den Spirit mit in die Arbeitswoche nimmt, wo es dann ganz locker so weiter geht.

Unter der Haube geht es dann aber schon deutlich strenger zur Sache. Was Behörden und Bürokratie angeht, muss sich Australien nicht verstecken. Da könnten wir uns wahrscheinlich noch eine Scheibe von abschneiden – na lieber nicht! Ich stosse jetzt noch regelmässig auf Regelungen, die uns merkwürdig vorkommen. Man muss wissen, dass Australien kein Gegenstück zum Personalausweis hat und auch keine Meldepflicht. Um seine Identität und seinen Wohnort nachzuweisen, muss man in der Regel eine bestimmte Anzahl von Punkten erreichen.

Zum Beispiel 100. Ein Reisepass gibt 40, ein ausländischer Führerschein 20, eine Wasserrechnung der Wohnung mit aktueller Adresse noch mal 20, ein Kontoauszug 10 … und so weiter. Das kann für Ausländer, die gerade ins Land gezogen sind, zu kuriosen Situationen führen. So bekommt man eine Wohnung nur, wenn man ein Bankkonto hat und eine Handyrechnung, das Handy nur, wenn man eine Wohnung und ein Konto hat. Ein Konto kann jeder eröffnen (das sollte einem zum Denken bringen).

Und wem dann nicht schon zu viel ist, der trifft dann auf Korinthenkacker. Ich hab vor zwei Wochen einen Haufen Unterlagen an eine Behörde geschickt. Insgesamt drei Formulare und 3 Identitätsnachweise. Davon wurden zwei Anträge abgelehnt, weil sich der primäre Nachweis – Kopie meines Reisepasses – nur in einfacher Ausführung in den Anhängen befand. Ein tertiärer Nachweis wurde ignoriert, weil keine Adresse drauf steht. Also wieder alles von vorne ..,

Da kann man sich schon wundern. Oder, meine aktuelle Lieblingsgeschichte vom Lieferwagenfahrer. Besagte Person arbeitet für die australische Version von DHL und fährt seit drei Tagen meinen bestellten Fernseher durch meine Nachbarschaft. Am ersten Tag war ich nicht zu Hause, hab nämlich nicht damit gerechnet, dass der so schnell geliefert wird. Bei der Online-Nachverfolgung steht der Status: “Kein Zugang zum Grundstück”. Na gut, war ich ja auch nicht zu Hause. Abends rufe ich an, um sicher zu stellen, dass noch einmal versucht wird den Fernseher zuzustellen. Dem sei so. Ich nehme also den Tag frei und sitze zu Hause rum und beschäftige mich hauptsächlich damit die Seite der Sendungsnachverfolgung zu aktualisieren. Um 20.12 Uhr habe ich aufgegeben, und glaube nicht mehr, dass die Lieferung noch kommt. Auf der Seite steht aber noch: “Wird zugestellt.” Um 20.13 Uhr springt die Anzeige um, und verlautet: “15.55 Uhr, Kein Zugang zum Grundstück”.

Was?! Wieso hat es über vier Stunden gedauert, das zu aktualisieren. Ich könnte wahrscheinlich an der Antarktis mit einem geeignetem Gerät in Echtzeit meine Mails lesen. Erst dann stelle ich mir die Frage, warum keiner bei mir geklingelt hat und was das mit dem Zugang zum Grundstück eigentlich bedeuten soll. Ich habe so langsam die Vermutung, dass der Typ einfach keinen Parkplatz gefunden hat und keinen Bock hatte die paar Meter mit dem Fernseher zu gehen und einfach wieder abgedüst ist.

Am nächsten morgen rufe ich wieder an und erkundige mich, was dass jetzt heisst. Meine Vermutung wird bestätigt. die Meldung hat nichts damit zu tun, dass ich nicht zu Hause war. Man fragt mich, ob es in meiner Strasse eine Baustelle gäbe, die den Zugang zum Haus verhindert. Nö, sage ich, ich fände das auch sehr komisch. Was man denn da machen könne? Die Frau ist ratlos und ich schlage vor, dass ich ihr ja meine Handynummer geben könnte. Kann sie die nicht an den Fahrer geben, der könnte mich dann anrufen? Gute Idee, so machen wir das!

Ab jetzt läuft’s. Ich werde im 30 Minuten-Takt zurück gerufen und auf dem Laufendem gehalten. “Ja, den Fahrer hätte sie immer noch nicht erreicht.” Jetzt wurde er erreicht, der hält sich noch zwei Stunden in meiner Umgebung auf, hier ist seine Nummer, wäre ich denn zu Hause. Ich will endlich den Fernseher haben und entscheide mich um 13 Uhr Feierabend zu machen und schnell nach Hause zu fahren. Dort angekommen rufe ich den Fahrer an. er beschwert sich, wie schwer es wäre einen Parkplatz zu bekommen. Aha, ein weiterer Mauerstein für meine Theorie.

Ich schlage vor, dass er mich anrufen könnte wenn er kommt, dann käme ich zur Strasse. um das Paket von ihm abzuholen. Oh das wäre ja so nett von mir. Gesagt, getan. Fünfzehn Minuten später treffen wir uns an der Strasse. Er weint sich bei mir aus, wie schwer sein Leben wäre. Er wäre ja schon die letzten Tage immer mal hier vorbei gefahren. aber es war nie ein Parkplatz frei, da ist er dann einfach weiter.

Mir steht der Mund offen und ich weiss nicht was ich sagen soll. Ich weise noch mal darauf hin, dass ich extra frei genommen habe und auch jetzt einfach so von der Arbeit abgehauen bin. Jaja, das Leben sei schon hart, man könne sich gar nicht vorstellen, wie viel Stress der Herr Auslieferer ausgeliefert sei.

Ich geh schnell in die Wohnung und schliesse lieber den Fernseher an.

Tags:

Eigenen Senf dazu geben