Geschrieben von Björn | Abgelegt in Fliegen, Reisen
Heute wollten wir nach King Island fliegen. Die Insel liegt im Nordwesten vor Tasmanien. Auf dem Weg dorthin in müssen wir in Tyabb zum tanken stoppen, und dann an Melbourne vorbei bis nach Point Cook fliegen. Dort wollten wir das Royal Australian Air Force (RAAF) Museum besuchen und zu Mittag essen. Ich war der Pilot für den Tag.
Am Abend vorher plante ich den Flug aufs Genauste und ging ihn in meinem Kopf immer und immer wieder durch: Start vom Flughafen auf King Island, dann nach Westen drehen und bis nach Cowes liegen. Dort scharf nach Norden schwenken und an einer Verbotszone vorbei nach Tyabb. Kinderspiel! Bis man dann ins Flugzeug einsteigt und versucht den Plan durch zu führen. Ich bin zu dem Zeitpunkt seit einem Jahr keine Cessna mehr geflogen und war noch einige Zeit nach dem Start damit beschäftigt mich daran zu erinnern wie sich so eine Cessna im Detail fliegt. Wo sind die ganzen Knöpfe und Hebel? Als mich Darren fragte, was denn mein Plan war? “Also, ich dachte so östlich an der Verbotszone vorbei.” – “Hm, wir sind aber jetzt schon westlich davon, und ausserdem fliegst du gerade GENAU darauf zu!” Waaaaaah!
Echt super, es sind gerade mal zwei Minuten vergangen, die ich als Pilot auf der Safari fliege, und es geht schon alles schief. Gut, dann heisst es jetzt improvisieren. Ich brachte uns auf einen Kurs, der uns sicher an der Verbotszone vorbeiführen würde. Ich hatte meinen Pilotenschein erst seit einer Woche, ich würde ihn gerne noch etwas behalten. Ich schaute auf die Karte, um abzuschätzen, welche Richtung ich von meiner jetzigen Position nach Tyabb einschlagen müsste. Wurde dabei aber von Darren unterbrochen, weil wir uns quasi schon im Landeanflug befanden. King Island und Tyabb sind keine 20 Minuten von einander entfernt! Das war mir nach meinem Studium des Kartenmaterials irgendwie nicht bewusst geworden. Was für ein Albtraum. Irgendwie, bekam ich es aber doch noch hin, eine nette Landung hinzulegen.
Als nächstes ging es durch die Port Philipp Bay, immer an der Küste lang, vorbei an Melbourne, nach Point Cook. Der Flug dorthin verlief reibungslos, wenn man davon absieht, das ich Point Cook als Cooktown ansprach, als ich dem Flugverkehr der Umgebung mitteilte, dass wir uns im Anflug befinden. Das RAAF Museum hat mich völlig überrascht. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass Australien im zweiten Weltkrieg in Europa gekämpft hat. Zum anderen hat das Museum ganz Klar den Fokus auf der australischen Luftwaffe und die Ausstellung zeigt sehr schön, die Entwicklung des Luftkrieges. Von der Erfindung des Flugzeugs, über Zeppeline, bis hin in die Moderne. Die ausgestellten Kampfjets haben mich am meisten beeindruckt. Die Dinger sind riesig! Im Nachhinein, kann man das auch von Filmen wie Top Gun ableiten, wenn man sich vor Augen hält, dass die Jungs in die Flieger immer über ihre Leitern reinklettern. Aber wenn man mal vor einem echten Jet steht, werden einem die Ausmaße erst richtig bewusst. Am meisten beschäftigte mich nach dem Besuch im Museum der Gedanke, dass obwohl Krieg entsetzlich ist, die Technologie und die Geschichte eine unheimliche Faszination ausstrahlen. Ich werde mir auf jeden Fall das gerade eröffnete Militärmuseum in Dresden anschauen, wenn ich wieder in Deutschland bin.
Der letzte Flugabschnitt für den Tag brachte uns an der Küste nach Süden bis nach Cape Otway. Die australische Luftverkehrssicherung schlägt vor, von dort nach King Island zu fliegen. Man soll sich vorher bei der Flugsicherung melden und einen sogenannten Über-Wasser-Flugplan abgeben. Der Plan sieht vor, dass man sich dann in Regelmäßigen Abständen bei der Flugsicherung meldet, bis man den Flug über Wasser bis nach King Island erfolgreich abgeschlossen hat. Ich habe mir die Anleitung zu der Prozedur am Tag vorher öfters durchgelesen und ging jetzt noch ein letztes Mal im Kopf den Funkspruch durch, den ich absetzen wollte. Noch einmal tief durchgeatmet, dann drückte ich den Knopf und setze den Funkspruch ab: “Melbourne Center, Cessna 1-8-2 Bravo X-Ray Oscar, 5 nautical miles north east of Cape Otway at 3000 feet. Will track to Cape Otway, then Cape Warwick. Request over water schedule, will report again after one five minutes.”Melbourne Center antwortet prompt: “Bravo X-Ray Oscar … Melbourne Center. Please confirm aircraft type and POB.” Ich: “Aircraft is a Cessna 1-8-2, we have four person onboard, Bravo X-Ray Oscar.” – “Bravo X-Ray Oscar, time is zero seven, report again at two Zero.”Ich bestätige somit, dass es sieben Minuten nach der vollen Stunde ist, und dass ich mich um 20 nach wieder melden würde. Das hat besser geklappt, als ich es nach den beiden Ausrutschern am Morgen erwartet hatte. Ich schaute mich im Flugzeug um und werde von allen beglückwünscht, dass das gerade eben eine sehr professionelle Funk-Kommunikation gewesen ist. Ich kann es selber kaum glauben und bin einfach nur froh, dass ich den Tag dadurch noch gerettet hatte. Es konnte ja auch noch keiner ahnen, dass dies mein einzig akzeptabler Funkspruch auf der Reise bleiben sollte.

Beim Überflug von Cape Otway nach Cape Warwick
Der restliche Teil des Fluges verlief reibungslos und als wir uns über dem Leuchtturm von Cape Warwick befinden, der sich am nördlichsten Punkt von King Island befindet, liess ich Melbourne Center wissen, dass wir gut angekommen sind. Das beendete unseren Flugplan und wir sind von nun an wieder auf uns selbst gestellt. Insgesamt dauerte der Überflug nur knapp 30 Minuten. Wir konnten weiter steigen und flogen über der Wolkendecke. Über King Island brach die Wolkendecke nach Westen auf und wir konnten sanft zur Insel hinuntergleiten und die spektakuläre Aussicht geniessen. Als wir 1500 Fuss Flughöhe erreichten, steuerte ich direkt den Flughafen im Osten der Insel an landete uns sanft auf unserer ersten Station in Tasmanien.
Die Landebahn ist relativ gross, weil hier auch auch größere Flugzeuge landen, aber der Flughafen an sich ist relativ klein. Es gibt hier zwei Check-In Schalter und einen Autoverleiher, dessen Schalter aber nicht besetzt war. Da wir uns einen Wagen mieten wollten, hat Darren die dort angegebene Telefonnummer angerufen. Fantastisch, der Mietwagen steht draussen vor der Tür, der Schlüssel ist unterm Vordersitz! Wir sollen bitte mit dem Wagen nach Currie zum Büro fahren, um den Papierkrams zu erledigen. Gesagt getan. Nachdem die Formalitäten erledigt waren, düsen wir zur King Island Dairy Fromagerie, zum Käse probieren. Was ich vorher nicht wusste, King Island Käse ist weltberühmt, zumindest in Australien. Und wenn ich jetzt im nach hinein im Supermarkt nach Brie und Camembert schaue, dann kommt die Hälfte des Angebots tatsächlich von dort. Käseprobe war super, die Hälfte hat mir super geschmeckt, aber wir können doch jetzt keinen Käse kaufen, oder? Ich meine, dies ist gerade mal Tag Zwei der Safari und wie sollen wir das alles transportieren? Den anderen ist es anscheinend egal, und die Fromagerie ist bestens auf so etwas eingestellt. Wir konnten nicht nur Käse kaufen, sondern auch die passenden King Island Käse Kühltaschen dazu. Ich kaufe mir auch einen Brie, die Sorte, die mir am besten geschmeckt hatte. Jetzt wo ich dies hier aufschreibe, ärgere ich mich ein bisschen. Der Käse war nämlich super lecker und kostet auf King Island nur die Hälfte wie hier im Supermarkt. Ich hätte mal mehr kaufen sollen.
Als wir mit Käse beladen die Fromagerie verliessen, war es erst 14 Uhr und wir entschlossen uns die Insel mit dem Auto noch etwas zu erkunden. Auf King Island gibt es anscheinend sehr viele Wallabies. Darauf deuten auf jeden fall die vielen Kadaver hin, auf denen wir auf unserer Fahrt vorbei kommen. Nach ungefähr 20 Minuten waren wir leider am Ende der Asphaltstrasse angekommen und es ging nur noch auf Sandstrassen weiter. Die Frage, ob wir einfach umdrehen sollte stellte sich natürlich nicht. Männer fahren nicht den gleichen Weg wieder zurück! Wir hatten vom Autoverleih eine rudimentäre Karte mitbekommen, die andeutet, dass wir der Sandstrasse im Quadrat folgen könnten. Wir würden dann am Ende da rauskommen, wo wir eh hin wollten. Das ganze sah auch nicht zu weit aus. Wir wurden schnell eines besseren belehrt. Zum einen kann man auf Sandstrassen nicht so schnell fahren, wie auf Asphalt, zum anderen schien die Karte in unsere Richtung eine logarithmische Skalierung zu verwenden. Je mehr wir fuhren, desto weniger kamen wir irgendwo an. Nach 20 Minuten hatten wir endlich die erste Seite des Quadrates zurückgelegt. Aber die Strasse wurde immer schlechter.
Zu diesem Zeitpunkte stellte ich mir die Frage, wieso es auf dieser Insel eigentlich normale Autos gibt. Wieso fahren nicht alle einen Geländewagen und wieso nicht wenigstens unser Mietwagen? Der Karte nach zu urteilen sind die meisten Strassen der Insel aus Sand. Ich hoffte nur, dass die Strasse nicht noch schlimmer würde. Wir hatten gerade die Hälfte des Weges zurück gelegt und jetzt umdrehen zu müssen wäre der schlimmste anzunehmende Vorfall. Als hätte ich den Teufel an die Wand gemalt, tauchte vor uns am Wegesrand ein Schild auf: “Achtung! Achtung! Jetzt kommt ein Fluss. Fahren Sie nur weiter, wenn sie einen Geländewagen haben. Aber auch dann auf eigene Gefahr. Wir haben Sie gewarnt!” Links vom Schild geht die Strasse um eine Kurve, bergab in eine Böschung. Vorsichtig fuhren wir um die Ecke. Und erschrecken: “Wo ist der Fluss, und warum ist da eine Pfütze. Ach so, das ist der Fluss! Na dann, gib Gummi!” Muss Trockenzeit gewesen sein.
Nach etwa einer weiteren halben Stunde und unzähligen toten Tieren am Strassenrand, erreichten wir das Boomerang by the Sea, in dem wir übernachten werden. Im Hotel fand zu der Zeit eine Party statt und wir erfuhren vom Besitzer, dass die Party für Angestellte und Bauarbeiter sei. Deswegen wäre an dem Abend auch das Restaurant geschlossen. Er könne da den Pub in Currie empfehlen, da gäbe es Sonntag Abends Rostbraten. Ausserdem wäre das eh unsere einzige Alternative auf der Insel! Wir entschlossen uns dann das auszuprobieren, schliesslich wollten wir nicht hungern. So luden wir schnell unsere Sachen in unseren Zimmern ab, bewunderten den herrlichen Ausblick über die Bucht und machten uns dann auf den Weg zurück nach Currie.

Eine der beiden tankstellen auf King Island
Im Pub erlebten wir erst einmal eine Enttäuschung. Das Abendessen gibt es erst ab Sechs. Wir hatten einen Riesenkohldampf und mussten uns jetzt irgendwie noch eine Stunde die Zeit vertreiben. Len wollte Nüsse kaufen, aber die gab es auch nicht. Die Bardame bot uns etwas Käse an. Das Angebot nahmen wir dankend an. Sie kam dann nach ca. 10 Minuten wieder und hatte offensichtlich ihren privaten Käsevorrat geplündert. Sie hatte eine Käseplatte mit den Käsesorten, die wir Mittags probiert hatten dabei und wollte kein Geld dafür annehmen. Pünktlich um Sechs waren wir die ersten, die Rostbraten bestellten und auch bekamen. Endlich richtige Nahrung für unsere hungrigen Mägen. Leider war das Essen eine Enttäuschung. Das Fleisch war sehr fettig und die Beilage waren Erbsen, Karotten und Bohnen aus der Dose. Alle in der Gruppe hatten das Bedürfnis noch etwas zu erleben und wir erfuhren auf Nachfrage, dass es doch noch einen andern Club auf der Insel gibt. Dieser befindet sich in Grassy und ist nur 30 Minuten mit dem Auto entfernt. Da fuhren wir dann hin.

Grassy von oben, mit Miene im Vordergrund
Grassy ist ein sterbendes Dorf. Früher hab es dort mal eine Miene, die aber Anfang der 90er geschlossen wurde. Seit dem haben die meisten Bewohner ihren Job verloren und viele sind aus Grassy weggezogen. Wir sahen einige verlassene und verkommene Häuser, die aber wunderschön auf einem Hügel gelegen sind, der sich sanft zu einem Cliff über die Bucht von Grassy hinunter zieht. Der Grassy Club sieht von aussen so verkommen aus, dass ich da alleine nicht reingegangen wäre. Eine türkische Kulturkneipe in Hamburg ist der beste Vergleich den ich finden kann. So ähnlich sah der Club auch von innen aus. Irgendwie grell und rustikal. Funktional aber nicht gemütlich. Jeder von uns bestellte ein Getränk bestellt und bewunderte mit grossen Augen das Schnitzel mit Pommes, dass ein Gast neben uns bekam. Es war sogar mit Käse überbacken! Der Rostbraten kam mir gleich noch viel unbefriedigender vor. Wir stürzten die letzte Hälfte unserer Getränke, denn wir wollten noch vor Anbruch der Dunkelheit wieder zurück sein. Im Dunkeln kommen noch mehr Tiere raus und die Gefahr etwas auf der Strasse anzufahren ist umso höher. Bereits in der anbrechenden Dämmerung konnten wir beobachten wie sich Gruppen von lebensmüden Wallabies am Strassenrand einfanden und sich wahrscheinlich mental auf die nächtliche Mutprobe vorbereiteten: “Ich wette ich traue mich länger in der Mitte der Strasse zu stehen als du!” Wir trafen ohne Zwischenfall im Hotel ein und verabschiedeten uns für die Nacht. Morgen werden wir nach Launceston fliegen. Der zweitgrössten Stadt von Tasmanien.
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