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Fliegen, nix is schoener … oder?

Ich sitze gerade im Lufthansaflug 403 von Newark, New Jersey nach Frankfurt am Main. Wir befinden  uns auf Reiseflughoehe, was laut Airshow 11277 Meter entspricht. Es sind noch 3:33 Stunden bis Frankfurt und ich kann sehen wie schnell wir gerade fliegen, wieviel Uhr es am Ankunftsort ist und so weiter und so fort. Echt super das System, nur schade dass es so langweilig aussieht. Da gibt mein iPhone mit Google Earth mehr Eyecandy her und interaktiv ist die Airshow in keinster Weise. Damit koennte man sich wunderbar die Zeit vertreiben. Alles in 3D, interaktiv und mit Multi-touch-screen; Na, ihr wisst schon, mit 2 Fingern zoomen und das Bild drehen etc. Dann noch den Aufenthaltsort von anderen Flugzeugen einbetten, das aktuelle Wolkenbild und Wetter als zusaetzlichen Layer einblenden und wer braucht dann noch Filme?

Mit diesem Flug knacke ich dieses Jahr die 70 000 Flugmeilenmarke. Und bisher ist alles ganz fluffig gelaufen und ich kann mich nicht daran erinnern, einen unangenehmen Flug gehabt zu haben. Natuerlich abgesehen von den ueblichen Economy Class Problemen: Beinfreiheit? Pustekuchen! Auf das Tischchen passt gerade mal das Tablett mit dem Essen, das man dann aber trotzdem nicht verspeisen kann ohne sich gehoerig voll zu sauen oder total bescheuert auszusehen, weil der Raum fuer den Armeinsatz mit Ellenbogen fehlt. Ein Laptop passt da erst recht nicht rauf und wenn der Vorderman seinen Sitz zurecklehnt, dann geht gar nichts mehr. Wobei zuruecklehnen ja eigentlich auch quatsch ist. Ich denke eher, dass der Sitz eine natuerlich-ergonmische Haltung erst ermoeglicht wenn er zurueckgelehnt ist. Die aufrechte Stellung, die man bei Start, Landung und dem Herumgurken auf dem Flughafen einstellen muss, erfordert ja eher, dass man gekruemmt nach vorne sitzt.

Aber ich will ja eigentlich gar nicht darueber meckern, denn normalerweise komme ich damit ganz gut klar und nehme das eher sportlich. Zurueckblickend habe ich aber vielleicht auch einfach Glueck gehabt. Denn bisher hiess es immer Mensch gegen Maschine; Ich gegen das Flugzeug bzw. die Wetterverhaeltnisse. Noch nie hatte ich wirkliche Probleme mit anderen Passagieren, aber jetzt gerade habe ich irgendwie die Arschkarte gezogen.

Die eineinhalb Reihen vor mir hat eine 7-koepfige Familie eingenommen, deren 6 Saeuglinge die ganze Zeit schreien. Vielleicht ist es auch eine 3 koepfige Familie mit einem Baby. Das Verhaeltnis und der Laermpegel geben auf die tatsaechliche Anzahl keinen Rueckschluss. So gesehen koennten es auch 100 Babies in 10 Flugzeugen mit 98 Eltern sein.

Dann sitzt ein Typ neben mir, der so ganz komiche Kopfhoehrer hat, die ich noch vom Ende der 90er aus der  U-Bahn kenne. Ihr wisst schon diese Dinger, die man aufhat und selbst wenn die gar nicht so laut fuer den Traeger sind, wird das Hi-Hat volle Pulle in die Umgebung geschallt und man hoert dann so ein ambientes TzTzTzTzTzTzTzTz. Das ist so dermassen penetrant, dass es sogar das Geraeusch des Jetantriebes uebertoent und sogar meine ansich nach aussen abdichtenden In-Ohr-Kopfhoehrer ueberlistet und den Teil meines Gehirns ueberreizt, der fuer Unruhe und Aggression verantwortlich ist.

Wer mich kennt, weiss das ich voll gegen laestern bin, das gehoert sich nicht. Aber bei meinem Sitznachbarn werden bei mir ganz andere Wertemuster aktiviert. Nachdem er die Augen mal kurz zu gemacht hat, geht das Gesaege los. Ich erkenne ein Muster und stelle sofort eine symbiotische Verbindung zwischen Kopfhoehrern (siehe oben) und Besitzer her. Der Penetranz mit der die Kopfhoerer hohe Toene in die Umwelt blasen, steht der Besitzer in puncto tiefen Toenen in nichts nach. Und was traegt der eigentlcih fuer einen komischen Pulli, der oben am Ausschnitt so eine halbmondfoermige dunkle Flaeche hat. Ist das jetzt in … iiiihhh! Das ist eine Sabberlache, die kontinurierlich von einem FLuss getraenkt wird, der seinem linken Mundwinkel entspringt. An diesem Punkt habe ich schon richtig Kopfschmerzen und stelle mir vor, wie es eigentlich waere jetzt mal Amok zu laufen. Was fuer ein Gefuehl waere das, jetzt mal voellig auszurasten und die aufgestaute Gewalt zu entfesseln? Einfach mal loslassen!

Der rationale Teil meines Gehirns entscheidet natuerlich, dass es doch irgendwie besser fuer die Zukunftsgestaltung waere, einfach ruhig sitzen zu bleiben. Irgendwie ist man im Knast oder sogar erschossen, schon ganz schoen in seiner Bewegungsfreiheit eingeschraenkt.

- “Woha, was riecht den jetzt hier so merkwuerdig nach verottendem Knoblauch? Nicht wirklich, oder?”

Doch, doch! Mein Sitznachbar hat aufgehoert zu schnarchen, aber nur weil der die Kopfposition angepasst hat, so dass seine ausgeatmete Luft nun direkt an meiner Nase vorbei muss.

*klick*

Jetzt reicht’s entscheide ich, reisse der vorbeigehenden Stewardess die Nylonstrumpfhose von den Beinen und werfe ihr diese mit einer fluessigen, oftmals geprobt wirkenden, Bewegung so um den Hals, dass ich sie in der Geisel-Haltung habe. Die harte Ausbildung im Consulting-Camp macht sich endlich bezahlt. Ein Airmarshall der ploetzlich neben mir aufspringt und sich zu erkennen gibt, koepfe ich mit einem Drehkick, wobei ich die Stewardess natuerlich ueber meinen Kopf heben muss, um die noetige Beinfreiheit zu bekommen. Dabei verhakt sie sich etwas an den oberen Stauraeumen und durch das Drehmoment reisst es ihr die Beine ab. Die anschauliche und uebertriebene Gewalt schockt alle anderen Passagiere, und sie starren mir mit offenen Muendern entgegen und kriegen keinen Ton heraus. Endlich mal Ruhe zum nachdenken. Ich entscheide mich dazu die Passagiere  der ersten Klasse in die Kueche des Flugzeugs umzusetzen und weise das Personal an mich fortan nicht mehr zu stoeren.

Der Rest des Fluges verlaeuft sehr friedlich und ich stelle fest, dass die erste Klasse viel mehr Filme zur Auswahl hat und gucke bis zur Ankunft in Frankfurt alte Walt-Disney-Zeichentrickfilme. Dort werde ich von einem ermuedeten Sondereinsatz-Kommando in Empfang genommen. Ich schaetze mal lange Nachtschicht in der Sansibar, die hinterlaesst auch bei trainierten Profikillern ihre Spuren. Nachdem ich meine Situation geschildert habe und ihnen diesen Text gezeigt habe, wandelt sich die angespannte Stimmung zu Verstaendnis und trifft sogar auf Zustimmung. Zwei vermummte lassen sich dazu hinreissen mir  auf die Schultern zu klopfen und gratulieren mir zu meinem Mut, dass durchzuziehen. Die Gefuehle haette schliesslich jeder, aber nur einer in tausend hat auch den Schneid so ehrlich zu sein und das durchzuziehen.

Natuerlich habe ich mich dann noch bei der Lufthansa fuer den ungluecklichen Unfall mit der Stewardess entschuldigt. Wir haben uns darauf geeiningt, dass ich fuer den Flug auf meine 25%-Frequent-Traveler-Bonus-Meilen verzichte. Dann sind wir quitt! Dann bin ich nach Hause und konnte aber nur schwer einschlafen, weil mir immer noch die schlimmen Bilder der Disney-Filme im Kopf herumspukten …

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